spirituelle Missverständnisse und Fallen

 

Auf dem spirituellen Weg gibt es zahlreiche Fallen und Missverständnisse, deren Kenntnis vorteilhaft ist, um nicht vom Weg abzukommen oder sich festzufahren.

 

Im Folgenden nenne ich einige häufige.

 

Hat man das Gefühl, den Weg zu verlieren, kann es hilfreich sein, mit einem erfahrenen Lehrer Rücksprache zu nehmen.


Häufige Missverständnisse sind bspw.

  • dass es das Ziel der Meditation wäre, Gedankenleere herzustellen. Wenn Sie Ihre Gedanken genau beobachten, werden Sie feststellen, dass Sie sie nicht kontrollieren können, dass sie von alleine aufsteigen und auch wieder versiegen. Es geht lediglich – und immerhin – darum, sich nicht mit den Gedanken und Gefühlen zu identifizieren (und nicht darum, sie nicht zu haben). Versuchen Sie Kontrolle über Ihre Gedanken (und vielleicht sogar die Gefühle) zu erlangen, treten Sie in Krieg mit sich selber. Das ist nicht hilfreich. Gestatten Sie sich eine wohlwollende Weise, mit sich umzugehen. Seien Sie sich selbst Ihr bester Freund.
  • dass „Selbstlosigkeit“ über den Willen herstellbar wäre. Eine abnehmende Identifikation mit den eingefahrenen Gedanken- und Gefühlskreisläufen entsteht vor allem durch den größten Lehrmeister: das Leben. Indem wir erfahren, dass viele unserer Vorstellungen und Wünsche nicht hilfreich sind oder sich kontraproduktiv auswirken, können wir sie loslassen. Sie und ich können schwerlich etwas loslassen, von dem wir glauben, dass es uns etwas einbringt. Es geht um ein schonungsloses und zugleich wohlwollend bleibendes Sehen. Dann kann Orientierung zunehmend aus der inneren Weite kommen, die ihre eigene Herzensweisheit bereits besitzt. Loslassen ist ein Prozess, der sich mit viel Präsenz vollzieht, und hat mit Dissoziation oder Bedürfnisverleugnung aus Willensanstregung bzw. Disziplin (Askese) nichts zu tun.
  • dass Erleuchtung aus dem Ansammeln oder der Dauerhaftigkeit besonderer Bewusstseinszustände bestünde. Diese kommen und vergehen. Es geht vielmehr um ein Leben aus der Stille hinter „normalen“ oder besonderen Bewusstseinszuständen. Diese zeigt sich als eine Liebe, die sich - im Kleinen und Täglichen - in der Welt manifestieren will.
    Von dauerhafter „Erleuchtung“ lässt sich der Begriff des eher punktuellen „Erwachens“ trennen, bei dem es um die konkrete identitätstransformierende Erfahrung geht, dass wir weit mehr sind als unsere Gedanken- und Gefühlsidentifikation.

   

Weitere Fallen sind:

  • Spiritualität wird häufig unbewusst als eine Vermeidungsstrategie aufgefasst. Man wählt diesen Weg, um Leiden oder das „Menschliche“ zu umgehen. Der spirituelle Weg bringt einen aber gerade in Kontakt damit. Allerdings bietet er einen inneren Raum der Stille und Geborgenheit an, um diesen Aspekten zu begegnen und sie liebevoll zu umarmen. Es geht hier um eine Liebe, die nicht psychologisch gebunden ist, sondern in der Weite des Raumes immer schon angelegt ist.
  • Meditationstechniken können als Kontrollmechanismen (letztlich zur Angstabwehr) eingesetzt werden. Der Weg der Kontemplation ist aber einer der Hingabe (arab. „islam“). Es geht um ein sich Ausliefern und In-die-Hände-Geben. Vertrauen hilft hier enorm – das ist aber selbstredend keineswegs immer machbar.
  • Die Abgabe der Selbstverantwortung an einen Lehrer oder eine Lehre kann in eine unhaltbare Situation führen. Man ist aufgerufen, bei der eigenen Erfahrung zu bleiben und stets selbst für sich zu prüfen, was sich stimmig anfühlt.
  • Eine Seite der auf dem Weg auszubalancierenden Aspekte wird überbetont. Beispielsweise geht das für den Suchenden flüssige Gleichgewicht zwischen „Anstrengung und Loslassen“ verloren und er verkrampft sich „ganden-los“ oder er verliert seine Intention aus dem Blick. Es geht um einen mittleren Weg zwischen den Extremen, wobei man gut mit sich verbunden und ehrlich mit sich selbst sein muss.
    Bei Verlust der Balance in welchem Bereich auch immer steht in der Regel ein Demut verlangender, lehrreicher Schritt an, der uns weiter wachsen lässt. Das Leben lädt uns immer wieder dazu ein. Vor allem dann, wenn wir vom Weg abkommen und in Extreme hineingelangen, bietet das Leben in seiner Weisheit uns Korrekturhinweise an.
  • Man kann in der Transzendenz stecken bleiben (auf halber Strecke der beiden spirituellen Bewegungsrichtungen), im angenehmen Gefühl der Weite und Entrücktheit – und kommt nicht mehr ins Irdische zurück.
  • Die Erfahrung besonderer spiritueller Erlebnisse und außergewöhnlicher Bewusstseinszustände kann zur Entwicklung eines spirituellen Egos führen, bspw. zu Selbsterhöhung (mitunter in Kombination mit dem vorherigen Punkt) oder zur ethischen Verantwortungslosigkeit nach dem Motto, dass eh alles eins sei und die Konsequenzen meines Denkens und Handelns daher unerheblich blieben.

 

Die Einhaltung zentraler Grundhaltungen hilft, Missverständnisse und Fallen zu vermeiden.