Texte

Silberstreif

 

Was einst der Silberstreif

Am Horizont, auf den man sich versteifte,

Ist nunmehr jener hoffnungslose Silberfaden,

Der sich in guten wie in schlechten Tagen

Vom Steiß bis in den höchsten Himmel zieht

Und sich in jenem dunklen Raume leuchten sieht,

der alles hält, was Eindruck macht,

und ohne Widerwort noch Pacht

umarmt, als Garn ins Sein einwebt,

wonach man nicht mehr strebt.

Wo Streit und Streik und Widerstand - 

zwar nicht verbannt, jedoch verbraucht, verbrannt - 

ganz wie von selbst das stangenlose Zelt,

die nunmehr unbewohnte, leere Welt,

(welche im Nähren Streit und Streik die Nahrung nahmen,

wodurch dann diese zu sich selber kamen,)

wie Wolkendunst verdampfend sanft verlassen

und sich im Überflusse selbst verprassen,

mit jenem Wasserfall ins Nichts sich stürzen,

dessen Fluten einen Fluss dann würzen,

der absichtslos in einen stillen See

grazil und zeitlos, zärtlich mündet,

der all und eins in sich verbindet

in einer simplen Tasse Tee,

in einer hohlen Hand zerbroch’nen Porzellans,

der ein Spiegelbild des ganzen tiefen Ozeans

in jedem Tropf‘ und Molekül neutral enthält,

sich engagiert allem Enthalten strikt enthält

und Tropf‘ für Tropf‘ am Stein zerschellt,

der in und als das All und Eins zerfällt. 

In der Tiefe der Seele

 

In der Tiefe der Seele,

in der Leere und Lehre

sich vereinen, vermählen,

lange nach dem Umkehren,

dem Weg und der Bindung zurück,

als Bedingung für bedingungsloses Glück,

dort, wo Hoffnung, aller Gründe enthoben,

sich Verzweiflungsfäden lang schon eingewoben

und diese aufgehoben hat, im Schweigen wunderbar.

Glauben als Gewissheit jenseits allen Wissens klar

erstrahlt im Augenblick nur, der die Handlung ruft,

in der das Leben durch Durchlässigkeit hindurch sich sucht,

in steigender Bewusstheit diamantenhell und ‑hart

im gleichen Kuss aus einer Quelle Liebe sanft mit Weisheit paart.

Da heißt Schweigen sich verneigen,

Gott und sich verneinen,

heißt sich verschenken, sich verzweigen:

in der Vielfalt sich vereinen,

da ist Leere Fülle, Stille Klingen,

Intimität in Tausend Dingen.

Im Fluss des Lebens

 

Im Fluss des Lebens baden,

Sich von ihm tragen lassen,

Der manchmal reißend schnell

Und manchmal ruhig meandernd,

Sich seine eigenen Wege sucht.

Und auch, der eigenen Strömung folgend,

Gegen den Strom mal schwimmen.

Wie wenn Intensität und Sanftmut tanzen,

das Wasser und das Wetter spüren

auf – und unter auch – der Haut,

so neue Küsten kennen lernen und auch neue Inseln

Aug in Aug mit Fischen und mit Vögeln,

Befriedet sich hingeben zart im Jetzt,

wo alle Sehnsucht ruht, gestillt im Hier,

sich wortlos selbst empfangen und Größeres erleben.

Sehn  sucht

 

Diese Sehnsucht nach dem Leben, ihm zu dienen, es zu schützen,

Sinn zu finden im Heil-Bringen, es zu teilen und zu lieben, ihm zu nützen,

Allen Menschen, allen Wesen, ihrer Heimstatt, blau im All.

Dass, was uns übersteigt, den Alltag heilige mit seinem Widerhall,

Auch unser Tun und Sein durchdringe, bis die Welten singen,

Statt der Zähne Knirschen Kirschen-Blüten blüh’n und lieblich klingen

Wie ein Leibeskräfte-Schrei von neugebor‘nem Leben, das mit Neugier,

Funken, Säften, seinem „Ja“ sich Gott entgegenatmet wie ein Stier,

Der, ruhig, gelassen, voller Kraft und Anmut dankbar dich nach Hause trägt,

Ein Weiser, der in seiner Höhl‘ in seinem Herzen wohnt, kein Urteil wägt,

In warmem Licht gehalten, wieder da, wo einst er ging, auf seinen greisen Gleisen,

sachte deine Seel‘ berührt und sie auf diese Weise leise

tief an ihre göttlich Quell‘, die inn’re friedensvolle Freud‘ erinnert,

die in der Illusion des kleinen Selbst, doch nie in Wahrheit sich verringert,

und an die heldenhafte Reise, die, in ihrem weltlich-tönernen Gefäß, die Seelen

durch ihr edles Erden-Dasein führt und zieht, ganz unabhängig von Befehlen,

die andere Menschen oder die Vergangenheit uns geben.

Blitze hell’n wie Freudenfeuer kurz den Blick auf größere Gewissheit, zeitlos‘ Leben,

wahre Liebe, die im Irdischen verwurzelt, sich verwirklicht, dich entbindet

und dich, kosend, lachend, so durchdringt wie alles, was im Universum sich befindet.

lichtgeflutet, energiedurchtränkt, musikgeschwängert in der Stille, jenseits Hölle, Hülle,

seiend und nicht-seiend, formlos in der Form und leer in seiner Fülle,

wie man es nicht fassen, jedoch im Erleben gnadenvoll geschenkt bekommen kann,

nachdem man sich auf seine Sehnsucht selbst besann

und sie umarmte, küsste, herzte, ihr im eig’nen, schaudernd‘ Schoß lustvoll Empfang

bereitete, wo sie, sich selbst verschenkend, sich ausbreitet, ausstrahlt, anklopft, ohne Bang

die ängstlich-fesselnd‘ Schnüre da, wo wir an andre unsre Macht abtraten,

hell und licht durchtrennt und einreißt alle schneidend Wänd‘, wie wir es einst erbaten,

all‘ schwärend‘ Seelen-Brände seelenruhig, so wie der Tiegel Feuersbrunst aushält, auslöscht,

so wie man selber es niemals in aller seiner Kraft und seinem Mut vermöcht‘.

So ist die Sehnsucht, die uns manchmal quält wie trocken-ungestillter Durst, ein Heiler,

Der mitunter wie ein Albtraum mitternachts uns weckt, feinfühlig wieder zudeckt, einer.

Der nicht feilschen will, doch wacht auf unsrer Bettkante, erlösendes Erwachen witternd,

ein Bruder, der, hold, unsre Seele, die, so zartbesaitet, immer wieder unruhig zittert,

Gutmütig, -herzig, wohlgesinnt in hohlen Händen birgt und lenkt und hebt,

So wie das Leben sich in Einfachheit, sich an der Liebe labend, selber lotst und lebt.

gebrochener Flügel

 

Auch Engel sind wie Wesen

Die brechen und verwesen

Wenn der Weg nur weit genug

Einen in die Weltallweiten trug.

Das „man“, das nicht mehr ist

Sich umdreht und vergisst

Sieht auch der Engel Schar

Nicht mehr, ist allem bar

In Einfachheit, nicht sonderbar

Stellt sich die Einheit grundlos dar

So stürzt Imperfektion durchs All

Im freien Fall und ohne Knall

Noch Schwindel, weil doch alle Punkte,

Strecken, Längen, Orte, Wunden,

Wunder, Himmel, Höllen, Nester,

Höhlen, Dogmen, Riten, Feste

Statt sich festzukrallen

Gleichermaßen fallen und verhallen,

Orientierungslos in Liebe und im Weltenmeer

Wo alles Halten loslässt, bleibt die Fülle leer,

Es atmen Welt und Selbst sich aus ins Nichts

Als schwang‘res dunkles und erlöstes Licht

Trost

stammt aus zweiter Hand

alt und vermoost,

so verbirgt er den Stein an

der Weggabelung,

an der Kreuzung zur Kreuzigung -

Fels, der im Boden, der Erde

fest ruht ohne Werden,

mild, sacht uns bemut-

tert in Armut und Demut

 

Trost, eine Fabel mit Makel und Mangel,

ein Mythos, der lange schon bange

uns macht in der Angst um Verlust,

nur ein enger Ersatz, bloß Verdruss,

der am Echten vorbeilebt,

vorbeigeht am einzigen ehrlichen Weg,

der im Atmen des Atems sich haucht,

wie der wehende Wind halt mal faucht

und mitunter zu ruhen geruht,

Kraft und Luft, Licht in unserem Blut

 

Trost ist vergeblich, verharmloste Flucht,

des schiffbrüchigen Balsams verlorene Bucht,

ist Verrat an der Wahrheit,

die heiter, beharrlich in Klarheit,

geduldig das täuschende Irrlicht

mit Liebe am Leuchtturm zerbricht.

Das Vermeiden vermeiden,

sich willenlos dazu entscheiden,

heißt fortwährend sich hinzugeben,

heißt herzlich zu lieben und ewig zu leben

Sein

 

Nach grobem Brechen

Erlahmtem Lechzen

Ausgeleiertem Ich

Das Ende der Sicht

 

Weites, waches Bewusstsein

Licht und leer

Ein glimmernd‘ Meer

Im Herz ein Kerzenschein

 

Schleierlose, bloße Nacktheit

Im Grunde dichte Dunkelheit

Hingabe an Gnade

Geschehen ohne Pfad

 

nichtig sind Werden

Wachen und Tun

simple Stille erden

nur das bist du

 

 

Die obigen Texte in Audioform:


Es

 

Das Es, es fließt und gießt die Energie in Form,

in Gänze ganz gewöhnlich und zugleich sonderbar,

es schenkt ein Sehen, das, hier dunkel und licht da,

stets unsichtbar doch bleibt; jenseits von strammer Norm,

von blankem Zorn, jenseits vom Dorn des Denkens

und ihrer vergeblichen Versuche unverirrten Lenkens

verleibt dem Sein zeitlos das Sein es ein ohne Kalkül,

irgendwo zwischen Gott und Mensch und Molekül;

es ist der steile Stamm des Stammbaums allen Werdens,

zugleich der leere Zwischenraum der Bauteile des Lebens,

das Gähnen zwischen Neutron, Proton, Elektron,

das Nichts, das auf dem ungeschmückten Thron

zu ungeschlag`nen Pauken rhythmisch schweigt,

es spielt die Flöte Krishnas, ist sein Atem, neigt

im Garten zarte Finger über Bambuslöchern, tönt, vertont

das Spiel der Farben und der Formen; leela zeigt zum Mond

der nackte Finger; silbern und doch farblos wandert

der Trabant der Erde, der doch ihr Urgrund ist, und landet

niemals weder hier noch dort, und startet auch an keinem Ort,

es leuchtet nur, als Neumond auch im Dunkeln, immerfort;

es tanzt - so wie die strahlend‘ Sonne - rege Schattenspiele

und hat der Blicke, Mittel, Wege, der Fingerzeige viele,

ist wie die Sonne reich an Eruptionen, lacht herzlich über Nationen,

Konzepte, Kontroversen, Konventionen sind für es bloße Konfusionen;

im Angesicht der ungeseh’nen Stille, die im Herz des Herzens liegt,

füllt sich das liebesvolle Es, das sich in einer liebestollen Liebeswelle,

Freund und Feind friedvoll umarmend auf der gleichen stillen Stelle,

dir an deine warme, weiche brüderliche Wange schmiegt,

im Überschwange sich als Balsamöl verschenkend, dich auf ungeahnten Bahnen lenkend,

den Kopf im Nest nicht, noch in der nied’ren öden Höhle, nicht mehr denkend;

dem Vogel und dem Fuchs in Fülle nichts mehr neidend, entscheidet die Entscheidung

sich von selbst in dem Moment, in dem das Tun sich mit dem Jetzt vereinigt und

nichts hetzt, nichts ruht, nichts ist, wenn roh im Spür’n und mental nackt

das Es das Es im Es erspürt, erfährt, vergisst, sich selbst entpackt;

es zeugt und nimmt Verletzungen und Liebespfeile,

es schenkt, entreißt ohn‘ Arg den Sinn in, zwischen Zeilen

und pflegt, dir diesen, seinen steten ungebet‘nen Segen -

ob leicht, ob hart - nur aus dem ungewissen Sein zu geben;

wo einst der kleine Geist in Gier und Illusion sich selbst verriet -

statt Schöpfergeist doch nur ein tönern, toller Töpfergreis,

schmierig am Rade drehend, der selber unversehens, leis‘

beim Umlauf unter Chakrenräder unbewusst geriet -

kam Achstamkeit, die ihre Augenlider wunderlich hoch hiefte

und augenblicklich bild- und blicklos staunend sich in sich vertiefte,

den Schein der Sinne sinnlich, lustvoll sich entlarvte,

entschleiert, nackt, enthaart im Sinnlosen-Hamam ohne Bedarf

dann badete und, was schon sauber war, zu reinigen

vermochte nicht, auch nicht mit Tränen, die doch peinigten;

das Lautere läutert sich nicht, wenngleich der Schaum nicht schadete,

das Leere leert sich nicht, weil niemand niemals niemand badete,

und doch ist Schwingung da im Wasser, die spürt der Fisch,

wenngleich das Wasser nicht, auch wenn’s im Wind auffrischt;

und so erfreut der Mensch sich energetisch wie der Fisch,

wenngleich nach langer Marter manchmal spät,

dass da was ist, statt einfach nichts,

wie wohl die Welt in wacher Weit‘ dem Vater doch gerät;

Energie bringt Innigkeit, im Nun und Hier Intimität,

den Sinnen bringt sie Sinnlichkeit und Sensibilität,

mit Fröhlichkeit und Freude intensive Funken,

Augenblicke, die genussvoll selbst sich munden,

aus ungebor‘nem Friedensboden

quillt frisch geboren und auf leisen Pfoten

vibrierend-schwingende Lebendigkeit,

des Pfingstgeists singende Friedfertigkeit.

So lacht ein Kind im Innersten der Welt

das Lachen, das sie erst zusammenhält,

dann in die weisen Weltallweiten schnellt,

wo es mit ihr zu guter Letzt im Jetzt zusammenfällt.

Mirabai *

 

Mirabai schreit und schreibt nur,

wenn ihr der Zugang zur

geliebten Zuneigungsfigur

mit Flötenmelodie in Dur,

in Moll, zu der sein Spiel anschwoll,

zum Gatten Krishna wich, nah

gerade noch, der Liebe voll,

so wie das Sein sein soll,

vor Leidenschaft lebendig, toll,

nun plötzlich fern und rar,

wie Wolken Sternenlicht

bedecken, es recken nicht

mehr Liebe, Hoffnung, Zuversicht

ihr zugeneigtes Angesicht

ihr in der Augen Blick;

und so erstarrt, erschrickt

ihr Herz vor Schmerz,

wie Schnee im März,

gebricht ihr ihr Gesang,

die Atmung vor Angst bang,

wie Panik in der Abendstunde

trotz trällernd‘ Vogelrunde

die graue Dämmerung in

Alveolen lähmend kriechen lässt

und alle Liebeskund im

schaurig‘ Sumpf versiegen lässt,

wie eine spaltend‘ Zweifelspest

im Zwielicht gart und Skrupel sät,

Vertrauen hart und rau den Rest

betäubend gibt und spöttisch spät,

zerstäubend und zermürbend,

Misstrauen und Besorgnis übend,

ihr alles Singen, Jubilieren

just entreißen kann und kalt gefrieren

und über allen Glauben triumphieren;

Bilder, Noten, Klang verlieren

dann Plastizität und Ton,

der Ausdruck, der schon

auf der feuchten Zunge lag,

fällt in ein trock’nes Kehlengrab,

das sich Beherztheit, Tapferkeit,

Furchtlosigkeit, Entschlossenheit

und alle Kunst und Kühnheit

gnadenlos, kühl einverleibt.

Sie hat’s, so scheint’s, vergeigt.

Mirabai schweigt.

 

Doch dann - woher kommt ihr der Mut? -

steigt ihr die neue Melodie ins Blut,

und wieder reimt und ruft

und macht sich musisch Luft

ein neues Lied, kunstreich und kreativ,

das aus der Mitte und der Tief‘

der Sehnsucht ihrer Seelenkehle quillt

und auf den Frieden hofft,

die Freude, die sie stillt,

die Stille häufig, oft

uns zur Verfügung stellt,

wenn wir uns fügen und die Welt

annehmen in Demut,

woraus die stille Glut

sich neu entfachen kann,

weil sie im Holze ungeseh‘n

doch immer angelegt, dann

kann man auch ruhig mit ihr geh‘n

und sich verbrennen lassen,

den eig’nen Atem und Gesang,

die Stimm‘, den Ton, den Klang

mit Hingabe verprassen,

so dass das, was da lebt,

auch schwingt und bebt

als Ausdruck allen Seins,

des Leidens wie des Weins;

sich ein- und wieder loslassen

auf allen ungewissen Trassen,

die uns das Leben ungeniert

in seiner Vielfalt offeriert

zum Wachen und zum Wachsen,

zum Scheitern, Sterben, Singen;

erschöpft kann dann den laxen

Müßiggang in allen Dingen

die Muse unter uns’ren Rinden

im Fuß des Baumes finden,

in jener Wurzel, dem Geflecht,

der Bewusstheit, die wir in echt

in Achtsamkeit doch sind,

jenes vertrauensvoll verspielte Kind,

dass sich nach Mama, Papa sehnt,

über den gähnend‘ Abgrund lehnt,

in den’s sich fallen lässt,

wohlwissend, dass die Kinder

wohlgeseh’ne Gäst‘ eben nicht minder

sind alles and’re Leben - der freie Fall ein Fest

für diese Schöpfung, ihren Schöpfer,

für allen Ton und seinen Töpfer,

für alle Tön‘, alle Musik,

für jed‘ Gedicht

das dunkle Licht,

der Liebe Sieg.

 

* Mirabei (16. Jh), indische Mystikerin, Dichterin und Sängerin, die überwiegend dann –Klagelieder komponierend - künstlerisch aktiv wurde, wenn sie in ihrer Gottesliebe ihren bereits als Kind gewählten Gemahl Krishna nicht mehr spüren konnte.

 

 

 

spirituelle Gedichte

Teil 2 audio


Maya

 

Das Spiel der Illusion

in Licht, Gefühl und Ton,

im Schmecken, Spüren, Tasten,

im Sehen, Riechen, Rasten

auch im sinn-negierten Fasten,

im Ausstrecken und Ausrasten,

im angstgemachten Denken,

im angestrengten Lenken

füllt Sphären, Mären, Mythen,

die nur im Wunsch erblühten,

im Woll’n der Sehnsucht glühen,

im Hang, sich hart zu mühen

und wohl und gut zu fühlen

zwischen allen starren Stühlen,

in Hunger und Besessenheit,

in SELBST-, nicht Selbstvergessenheit,

in bodenloser Sucht und Suche,

die gern mit Wucht für sich verbuchte,

was doch Geschenk und Gnade ist,

in einer Welt, die all das frisst,

was nur vorübergehend ist,

sich übel fühlend, betend Deals erschließt,

befehdend sich mit einer fiesen Allmacht,

die darüber schallend, liebend lacht.

 

Dies Spiel, ach, es leiert aus,

macht – dauernd – den Garaus

sich selbst. Es mehrt die Last,

solang’s den Traum umfasst,

und fährt den Leierkasten

gegen den Zirkusmasten,

der das Zelt und seine Welt

hält, ehe es zusammenfällt,

gegen die unsichtbare Wand,

gegen die Tür, die weder Rand,

noch Planke oder Griff besitzt,

in die kein Name je geritzt

und die den Blick zurück,

all‘ Suche nach dem Glück,

ungefragt dir untersagt,

und auf ein Land vertagt,

das hoffnungslos im Nebel

liegt; du suchst den Hebel

an der Pforte noch vergeblich,

als sie, bereit, längst gut vernehmlich

in ihren Angeln pocht und knarrt

und deines nächsten Schrittes harrt.

Die Wahrheit liegt im Sprung, im Scheitern -

so geh nun, nur einen Schritt noch, weiter.  

 

 

Maya 

audio


Wohin ich mich auch wende,

 

Wohin ich mich auch wende,

da ist kein Ort, wo du nicht bist,

da ist kein Anfang und kein Ende,

und keine Zeit, in der dein Sein nicht ist.

 

Du wohnst in allen Wesen,

den belebten und den unbewegten,

Analphabeten, die in dir direkt sich lesen,

die in jener schweigend, unerregten,

 

ungeschriebenen Schrift an dir sich laben,

im leeren Buchstaben nur Heimat finden,

der wie lichtdurchtränkte Schwaden

sie umgibt und hält, ohne zu binden.

 

Du bist im Gras, im Strauch, im Baum,

im Berg, im Tal, im Fluss. Und kaum

erahnt, erspürt, atmet man dich,

und traut sich selbst noch nicht,

 

dagleich ergreift und führt uns Sehnsucht,

stark wie eine fast verfluchte Sucht,

und nimmt und gibt uns Heimat,

die schwer trägt an dem silbernen Brokat

 

des leichten Jochs, das dein Lob singt

in einer Wolke Wohlgeruch,

in jenem Wort, das das geheimnisvolle Buch

stets voller Energie im All durchdringt.

 

Du ruhst und blühst in allen Dingen

so wie der Lotus auf dem See im Schlamm,

so wie des Adlers leichte Schwingen

den blauen Himmel über jedem Kamm

 

wie Gottes Schritte durch das All

ganz unberührt durchschreiten,

wie Schwingung sich als Schwung und Schwall

in alle Himmelsrichtungen zugleich verbreitet.

 

Du bist das Antlitz, bist die Augen,

bist Ohren und sensible Hände,

die stillen Sinne im geschöpflichen Gelände,

die jenen Kuss sich aus dem Kosmos saugen,

 

der sich im Atem selber schenkt

zu Gottes heil‘gen Füßen,

ganz ungeniert und unbedrängt,

vor allem Retten, allem Büßen.

 

Du bist die ungeschriebene Bundeslade,

Sprachlosigkeit und Sprache,

die im Zusammenspiel das Herz behüten,

das zeitlos gestern schon verglühte.

 

Bist Form, Bewusstsein, Energie,

darin das Nichts, das Nie,

bist eins in Hingabe

und Gnade.

 

 

Angeregt von einem hinduistischen Gebet von Gopala Dasa (18.Jh)

 

 

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